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Hintergrund

Leserbrief zu „Die Eltern sind gefordert“ vom Donnerstag, 24.Mai 2007  (siehe Hintergrund)

  „Die Situation ist jedes Jahr die gleiche. Dabei wäre eine Elternpräsenz besser als eine Polizeipräsenz“, erklärt Herr Reumschüssel als Polizeichef zum chaotischen Ausklang der Jugendweihefeierlichkeiten auf dem Markt am vorletzten Samstag. Es ist also jedes Jahr das Gleiche, dass es die Elternpräsenz nicht gibt. Die Eltern sind gefordert, aber sie kommen der Forderung nicht nach. Es wird also nächstes Jahr wieder genau so werden. Es ist  offensichtlich Konsens in Meiningen, dass nichts dagegen unternommen wird, zumal auch das Ordnungsamt „machtlos gewesen wäre.“

  Das heißt ganz konkret: Wir Meininger Bürger lassen es zu, dass 14jährige sich öffentlich zusaufen. Wir lassen es alle zu, dass das Jugendschutzgesetz an diesem Abend nur ein Fetzen Papier ist. Wir vermitteln unseren Jugendlichen die gleiche Erfahrung, die jetzt bei den Dopingbeichten zu Tage trat, wo es hieß: „Wir haben gedopt, weil es ging.“ Genauso beschließen unsere Jugendlichen den Tag ihrer Jugendweihe mit der Erfahrung: „Wir haben uns vollgesoffen, weil es ging. Wir haben den Markt mit Glasscherben übersät, weil es ging. Wir haben die von Steuergeldern bezahlten Informationstafeln der Stadt vollgeschmiert, weil es ging.“ Und es wird nächstes Jahr wieder gehen. Denn die Polizei und das Ordnungsamt werden wieder auf die Eltern warten. Und die Eltern werden wieder nicht kommen. 

  Ferner haben die Jugendlichen am Tag ihrer Jugendweihe gelernt: „Die feierlichen Reden vom Vormittag übers Erwachsenwerden haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Die Wirklichkeit ist, dass wir uns wie Riesenbabies aufführen können und kein Mensch von uns Verantwortung erwartet. Wir haben gelernt, dass Wort und Tat zweierlei sind. Wir haben gelernt, dass das Ordnungsamt und damit der Staat machtlos ist, wenn wir uns austoben. Wir haben gelernt, dass wir die Reden der Erwachsenen nicht ernst nehmen müssen, denn sie nehmen sich selbst nicht ernst.“

  Der Vorschlag, einen Jugendweiheball zu organisieren, ist gut gemeint. Wer organisiert so einen Ball? Letztlich müssten Ehrenamtliche schultern, wovon die Zuständigen für Erziehung (Eltern) und die Zuständigen für öffentliche Ordnung (Polizei) überfordert sind. Wenn ich die Konsequenzen überdenke, dann empfinde ich die Aussagen von Herrn Reumschüssel wie eine Kapitulationserklärung, nicht nur der Polizei, sondern der ganzen Gesellschaft.

  Es wird in letzter Zeit ja oft über einen „neuen Generationenvertrag“ diskutiert. Ich glaube, dass es längst einen neuen, geheimen, unbewussten Generationenvertrag zwischen Erwachsenen und Jugendlichen gibt, und dass er ungefähr so aussieht:

§ 1: Spiele statt Brot

  Wir Erwachsenen haben euch Jugendlichen die Zukunft beschädigt. Wir hinterlassen euch ein zerstörtes Klima, aufgebrauchte Rohstoffe, einen Schuldenberg, verkümmernde Renten u.s.w. Den Satz „unsere Kinder sollen es einmal besser haben“ können wir nicht mehr in den Mund nehmen.

Zur Entschädigung überlassen wir euch die Gegenwart. Wir stören euch nicht beim Rauchen und Saufen. Wenn die Zukunft sowieso versaut ist, dann nehmen wir hin, dass ihr es wenigstens in der Gegenwart richtig krachen lasst. Wir stören euch auch nicht, wenn ihr euch das Gehör kaputt macht in euren Diskos und mit euren Kopfhörern und ihr irgendwann davon taub werdet, denn es lohnt sich sowieso nicht mehr, irgendjemandem zuzuhören.

§ 2: Ernst und Spiel

  Nicht einmal im Aufschwung haben wir genügend Ausbildungsplätze für euch; wir lassen euch Hunderte erfolglose Bewerbungen schreiben und selbst die Leistungsstärksten von euch speisen wir lange mit Praktikumsplätzen ab. Damit verderben wir euch den Ernst des Lebens. Als Gegenleistung versprechen wir euch, keine Spielverderber zu sein. Was auch immer ihr „spielt“, wir werden euch nicht stören. Die Erwachsenenwelt braucht euch nicht. Deshalb erwarten wir gar nicht mehr von euch, dass ihr erwachsen werdet.

Wir sehen ein, dass ihr ja auch irgendwo bleiben müsst. Deshalb überlassen wir euch nach Einbruch der Dunkelheit die Straße. In diesem Zusammenhang akzeptieren wir auch, dass Bier-trinkende Jugendliche im öffentlichen Raum die Normen des menschlichen Zusammenlebens bestimmen. Wir nehmen es auch hin, wenn Neonazis von diesem Zugeständnis Gebrauch machen (siehe Leserbrief von Christian Horn vom Samstag) und auch tagsüber das „Recht des Stärkeren“ auf unseren Straßen einführen.

§ 3: Eine Hand wäscht die andere

  Wir ziehen euch für die Zerstörungen, die ihr anrichtet, nicht zur Verantwortung. Als Gegenleistung zieht ihr uns auch nicht zur Verantwortung dafür, dass wir schon längst die Zukunft der Erde und damit eure Zukunft verbrauchen. Beide Seiten einigen sich auf gegenseitiges Wegschauen.

§ 4: Geheimnisschutz

  Da dieser Vertrag sogar bei uns selbst auf Kritik stoßen könnte, wenn wir von ihm erfahren würden, schützen wir ihn mit einem Schleier von Gesetzen. Diese dienen dazu, Aktivität vorzutäuschen und den Politikern ein gutes Gewissen zu geben. Sie sind nicht dazu bestimmt, eingehalten zu werden, weder das Jugendschutzgesetz noch die Straßenverkehrsordnung noch irgendein anderes Gesetz.

 

Nach diesem unbewussten Vertrag, der sicher noch viele weitere Bestimmungen hat, lebt eine große Zahl von Erwachsenen und Jugendlichen. Wenn der Polizeichef angesichts der bekannten, periodisch wiederkehrenden Orgien der (Selbst)zerstörung sagt, man „könne sich an solchen Tagen nicht als Gegner der Jugendlichen präsentieren“, zeigt das, dass auch die Organe unseres Staates nach diesem unbewussten Vertrag handeln.

  Vielleicht ist es sogar gut, dass die Stadt nicht die Kapazitäten hat, sonntags früh die Glasscherben wegzuräumen. Dann fliegt wenigstens der Selbstbetrug auf, und wir können in den Glasscherben auf dem Markt das Spiegelbild unseres eigenen (Nicht-)Handelns erkennen, das Ergebnis des Zusammenlebens von Jung und Alt, so wie wir es faktisch gestalten.

 Ich arbeite täglich mit Jugendlichen. Aus meinen Alltagserfahrungen schöpfe ich die Hoffnung, dass ein anderes Zusammenleben von Jung und Alt möglich ist. Ich habe den Traum, dass Erwachsene und Jugendliche sich trauen, diesen fatalen Vertrag zu kündigen. Dass Erwachsene Jugendlichen Verantwortung zumuten und zutrauen. Und dass Jugendliche Erwachsene auf ihre Verantwortung ansprechen. Dass beide das gegenseitige Wegschauen beenden. Das wäre gut für unsere Zukunft und für unsere Gegenwart.

  26.5.07                                                                    Schulpfarrer Michael Tausch, Meiningen